Baustelle Inklusion - Fragen an Landespolitik

GEW im Gespräch mit bildungspolitischen Sprecher*innen

Nachdem sich immer mehr Kolleg*innen besorgt, empört und frustriert bei der GEW in Wuppertal wegen der konkreten Umsetzung des Gemeinsamen Lernens meldeten, war der Entschluss schnell gefasst: Wir laden die bildungspolitischen Sprecherinnen der Parteien in eine Veranstaltung ein und sie sollen sich hautnah anhören, was in den Schulen vor Ort los ist.
Baustelle Inklusion - Fragen an Landespolitik

Foto: A-Windmüller/pixelio.de

Unsere gleich nach der Sommerpause gestartete Mailumfrage in den Schulen stieß auf sehr große Resonanz und zeigte beeindruckend die ganze Breite der Probleme und Unzufriedenheit, aber auch viele gute Überlegungen, wo genau Veränderungen notwendig sind.

Am 28. September 2016 saßen nun fünf hochkarätige Landespolitikerinnen auf dem Podium in der Gesamtschule Barmen: Eva-Maria Voigt-Küppers, SPD, Karin Schmitt-Promny, Grüne, Yvonne Gebauer, FDP, Monika Pieper, Piraten, Gunhild Böth, Linke, und  hörten zunächst einmal gut zu.

Die Schulleiterin Bettina Kubanek-Meis sprach in ihrem Grußwort vom großen Engagement der Lehrkräfte, die an die Grenzen der Belastung stoßen, um jedem einzelnen Kind gerecht zu werden. Stefan Kühn gab ihnen als Schuldezernent mit auf den Weg, dass für jedes einzelne Kind der richtige Förderort gefunden werden muss und deshalb Förderschulen einen festen Platz im Schulsystem brauchen. Er betonte, dass das Gemeinsame Lernen von Schulsozialarbeit dauerhaft begleitet werden muss.
Hautnahe Schilderungen aus den Schulen
Es folgte ein wahres Feuerwerk von Einzelschilderungen aus dem Publikum: die fehlenden Sonderpädagog*innen, die großen Klassen, die mangelnde Vorbereitung der Schulen, keine Stunden für Teamabsprachen, Verteilung der Sonderpädagog*innen nach dem Gießkannenprinzip, fehlende Fortbildungen und Vorbereitung der Schulen, fehlende Integrationsfachkräfte im Ganztag, Ausdünnung der Integrationshilfe insgesamt und Verbürokratisierung des Antragsverfahrens, Missachtung der Leistungen und der Notwendigkeit der Förderschulen, gute Erfahrungen aus der Vergangenheit unter Bedingungen, in denen Gemeinsames Lernen gelingen kann.

Wenig konkrete AntwortenDa hatten es SPD und Grüne natürlich schwer konkrete Antworten zu finden. Sie seien von Wissenschaftlern im Vorfeld falsch beraten worden, meinte Frau Vogt-Küppers, die dargelegt hätten, dass Doppelbesetzung nicht nötig sei. Und dass die Zahl der zu fördernden Kinder steigen würde, hätte man auch nicht geahnt. Sie sähe durchaus Probleme, aber wir wüssten ja, die Finanzierung, schließlich habe man ja die Schuldenbremse. Klar brauche man mehr Sonderpädagog*innen, die hätte man aber nun nicht. Man beabsichtige aber zumindest im neuen Haushaltsplan, Stunden für Teamabsprachen vorzusehen. Immerhin ein Anfang. Frau Vogt-Küppers musste sich allerdings vorhalten lassen, dass es jahrelang versäumt wurde, ausreichend Studienplätze für Sonderpädagog*innen zu schaffen. So etwas gehöre zur Vorbereitung des Großprojekts Inklusion.

Yvonne Gebauer (FDP) sprach sich für die Bündelung der Ressourcen in Schwerpunktschulen aus setzte sich ebenfalls wie Monika Pieper (Piraten), selbst Sonderpädagogin, für den Erhalt der Förderschulen ein. Die Piraten haben übrigens die Mülheimer Erklärung der Lehrergewerkschaften und Verbände in den Landtag eingebracht. Lobenswert!

Gunhild Böth erinnerte an den Grundgedanken der inklusiven Bildung, wonach allen Menschen die gleichen Möglichkeiten offen stehen sollen, an qualitativ hochwertiger Bildung teilzuhaben, unabhängig von besonderen Lernbedürfnissen, Geschlecht, sozialen und ökonomischen Voraussetzungen. Das würde bestimmt nicht verwirklicht, wenn in einem hochselektiven Gymnasium Kinder mit Förderbedarf zieldifferent beschult werden und gleichzeitig Abschulung und Sitzenbleiben für die Gymnasiasten möglich sei. Es sei ihr schleierhaft, wie Inklusion im gliedrigen Schulsystem sinnvoll verwirklicht werden könne.

Personelle, sächlich und räumliche Voraussetzungen nicht erfülltRichard Voß konfrontierte die Politik damit, dass die Vorgaben des Schulrechtsänderungsgesetzes missachtet würden. Demnach darf der Förderort Regelschule nur zugewiesen werden, soweit die personellen, sächlichen und räumlichen Voraussetzungen gegeben seien. Und die seien nun mal offensichtlich nicht erfüllt, deshalb müsse der weitere Ausbau an immer mehr Schulen dringend gestoppt und die vorhandenen Ressourcen gebündelt werden. Außerdem müsse die Politik endlich anerkennen, dass mindestens 7000 weitere Lehrerstellen einzurichten sind.

Vor allem Frau Vogt-Küppers sah die Finanzierungsverantwortung für weite Teile der Inklusion beim Bund und bei Kommunen, so z. B. bei der Integrationshilfe. Sie erntete wenig Verständnis dafür, die Verantwortlichkeiten hin- und herzuschieben. Helga Krüger gab ihr einen aktuellen Finanzierungsvorschlag für Notmaßnahmen mit auf den Weg. Allein in Wuppertal gebe es 90 unbesetzte Lehrerstellen. Millionen würden im ganzen Land wegen dieser Situation zurzeit quasi „eingespart“. Dieses Geld dürfe nicht im Landeshaushalt versickern, sondern müsse unbürokratisch den Schulen z.B. für Lehr- und Lernmittel zur Verfügung gestellt werden. Frau Vogt-Küppers sagte zu, diesen Vorschlag zu verfolgen.

GEW überreicht Hausaufgabenheft für Bildungspolitikerinnen Richard Voß überreichte den Politikerinnen zum Schluss ein Hausaufgabenheft, angefüllt mit allen Rückmeldungen aus der Wuppertaler GEW-Umfrage. Die Hausaufgabenkontrolle erfolgt spätestens bei der Landtagswahl.