Flüchtlingskinder brauchen Bildung

Veranstaltung und Umfrage der GEW Wuppertal

Die Schulen stehen vor größten Herausforderungen, den Unterricht für die ständig wachsende Zahl von zugewanderten Kindern zu organisieren.Dafür brauchen sie bessere Bedingungen: Räume, Personal, Material. Die GEW Wuppertal hatte deshalb zu einer Veranstaltung mit den Verantwortlichen in Kommune und Land eingeladen. Über 100 Teilnehmer*innen aus allen Schulformen stellten die Situation vor Ort dar und formulierten ihre Forderungen.
Flüchtlingskinder brauchen Bildung

Foto: schemmi/pixelio.de

Schon zu Beginn des Jahres erreichten die GEW in Wuppertal Hilferufe aus Kollegien, weil sich die Unterrichtssituation in den Seiteneinsteigerklassen dramatisch verschlechtert hatte, so z.B. durch die Anhebung der Gruppenstärke von 15 auf 20 Kinder und die reduzierte Lehrerzuweisung. Das veranlasste die GEW Wuppertal zu einer entsprechenden Umfrage in den Schulen und zur Planung der Veranstaltung. Uns war bewusst, dass uns dieses Thema langfristig beschäftigen wird, die aktuelle Entwicklung bestätigt dies allerdings in nicht erwarteter Form.

Umfrage zur Situation der Flüchtlingsklassen

Die Resonanz auf die GEW-Umfrage war beachtlich. Ganz herzlichen Dank an alle! 38 Schulen haben zurzeit Seiteneinsteigerklassen aufgenommen, aus 23 Schulen erreichten uns teilweise seitenlange Rückmeldungen. Es waren sehr ausführliche, sehr konkrete, versehen mit vielen wertvollen Hinweisen, wo pädagogisch oder organisatorisch Änderungen und Verbesserungen notwendig sind.

Vor allem die Größe und Zusammensetzung der Gruppen, die Lehrerversorgung, der Umgang mit nichtalphabetisierten Kindern, die mangelnden Möglichkeiten der Anschlussförderung und die Verteilung der Gruppen auf die Schulformen und im Stadtgebiet wurden als Problem benannt. Die Umfrage zeigte auch, dass die Arbeit des Kommunalen Integrationszentrums sehr geschätzt wird. Auch die Ausstattung der Gruppen mit Material durch die Stadt lief offensichtlich für die meisten Schulen zufriedenstellend. In einigen Rückmeldungen klang an, dass in manchen Schulen noch an der Akzeptanz der Seiteneinsteigerklassen im Kollegium bzw. bei der Schulleitung gearbeitet werden muss. Also: Nicht nur Aufträge für Politik und Verwaltung, sondern für uns alle liegen auf dem Tisch.

Wenig konkrete Zusagen vom Podium

Konfrontiert mit den Ergebnissen der Umfrage, konnten an diesem Abend leider nur wenige konkrete Zusagen für Verbesserungen vom Podium mitgenommen werden. Deutlich wurde, dass die Landesregierung offensichtlich die zumindest in Teilen absehbare verstärkte Zuwanderung bisher „verschlafen“ hat und erst jetzt aufwacht, wo der Zustrom ein unerwartetes Ausmaß annimmt. So werden erst jetzt 2600 Lehrerstellen geschaffen, wovon mindestens 1000 bereits im laufenden Jahr in den Schulen fehlen. Allen Beteiligten ist bewusst, dass bei erwarteten 40. 000 neuen Kindern in den Schulen von NRW nicht nur Schulentwicklungspläne neu gedacht werden müssen.

Klassengrößen bleiben bei 15 - 18 Kindern

Zumindest hinsichtlich der Klassengrößen gab es Aufklärung: Das Auffüllen der Seiteneinsteigerklassen auf 20 Schüler war offensichtlich ein Alleingang der Bezirksregierung Düsseldorf. Die Aufmerksamkeit des Personalrates Hauptschule hat ein „Rückrudern“ bewirkt, so dass jetzt wieder von 15 - 18 Kindern pro Klasse ausgegangen werden kann. Frau Schüßler vom Schulministerium wies auch darauf hin, dass es wenige Vorgaben gebe und die Schulen weitestgehend Freiheit bei der Unterrichtsorganisation haben.

Probleme mit Alphabetisierungsgruppen

Wenig zufriedenstellend war die Diskussion über die Einrichtung von Gruppen für nichtalphabetisierte Kinder. „Mit Anlauttabellen, die im Grundschulunterricht oft eingesetzt werden, kommt man bei Kindern ohne Deutschkenntnisse nicht weit. Deshalb ist der gemeinsame Unterricht sehr kompliziert,“ berichtete eine Grundschulkollegin. Vom Podium wurde entgegen gehalten, dass spezielle Gruppen an Grundschulen das Problem der langen Schulwege weiter verschärfen würden. Einigkeit bestand darin, dass eine große Fortbildungsinitiative notwendig ist, sowohl um Alphabetisierung zu meistern, als auch für die Vermittlung von Deutsch als Zweitsprache. Auch hier wurde wieder deutlich, dass das Schulministerium wenig vorausschauend agiert, sondern allenfalls schwerfällig reagiert.

Ressourcen für Anschlussförderung gefordert

Als aus dem Publikum von den fehlenden Ressourcen für die dringend notwendige Anschlussförderung berichtet wurde, löste dies bei Frau Schüßer (MSW) und Frau Bainski (LAKI) Erstaunen aus. Das dürfe nicht sein, man wolle sich kümmern. Die GEW wird nachfragen. Keine Antwort hatten die Podiumsteilnehmer auf die Frage einer Hauptschule, wie man in einer 5. Klasse erfolgreich arbeiten soll, die aus 8 Kindern aus SE-Klassen, 5 Inklusionskindern und 5 Kindern ohne solche Hintergründe zusammengesetzt ist.
Ohne Antwort blieben auch die Fragen aus dem Publikum nach Vorgaben für Notengebung, Abschlüssen, Sitzenbleiben etc. Das Problembewusstsein sei da, so Christiane Bainski, hier müsse neu gedacht werden, daran würde gearbeitet.

Gelobt wurde, dass die Stadt Wuppertal trotz aller Probleme an manchen Stellen beispielhaft arbeitet, vergleicht man die Situation mit anderen Kommunen. Die Einbeziehung aller Schulformen ist auf einem guten Weg. Ungelöstes Problem bleibt, die Regelklassen hinsichtlich der Klassenstärken so zu deckeln (z.B. auf 25 Schüler), dass sie aufnahmefähig für Kinder aus den SE-Klassen bleiben. Offensichtlich muss die Stadt die Zügigkeit der einzelnen Schulen erweitern.

Auch wenn es an diesem Abend an konkreten Zusagen zur Veränderung mangelte, dem Publikum war wichtig, dass die GEW dieses Forum geschaffen hatte, um die konkreten Probleme vor Ort zu benennen und einmal loszuwerden. Wir wissen, dass die Kommune und das Land aktuell enorme Anstrengungen unternehmen müssen, um die Versorgung der vielen Flüchtlinge zu gewährleisten. Aber gerade weil so viele Menschen zu uns kommen, müssen tragfähige zukunftstaugliche Bildungsstrukturen vorhanden sein bzw. aufgebaut werden.