GEW Wuppertal: Umfrage zu den Überstunden im Februar

Es offenbarte sich die Unfähigkeit der Schulpolitik

Plötzlich 35 Kinder in der Klasse? Beaufsichtigung von zwei Klassen? Zwei Klassen auf dem Schulhof oder in der Turnhalle? Alles Alltag. Sonderpädagogische Förderung? Förderunterricht? Sprachförderung für Seiteneinsteigerkinder? Differenzierung nach Leistungsgruppen? Oft nur auf dem Papier.
GEW Wuppertal: Umfrage zu den Überstunden im Februar

Foto: pixabay

Die Anzahl der Überstunden, die an den Wuppertaler Schulen - und sicher auch in allen anderen Städten - geleistet wird, ist besorgniserregend. Doch genauso belastend und unverantwortlich sind weitere Folgen der viel zu knappen Bereitstellung von Ressourcen. Das ist nicht erst ein Problem des aktuellen Lehrermangels, sondern schon lange Folge der verfehlten Bildungspolitik.

Unsere Umfrage bezogen auf die Überstunden im Februar 2018 ergab eine Übersicht über die Situation von mehr als 700 Lehrkräften unterschiedlicher Schulformen.
Wir hatten nach zusätzlichen Unterrichtsstunden im Februar gefragt, die über die individuellen Pflichtstunden hinaus geleistet werden mussten. Eingetragene Belastungen, die durch Elterngespräche, Teambesprechungen, Förderplangespräche etc. entstanden, wurden dabei nicht mitgezählt. Durch Zeugnisausgabe und Brückentage zu Karneval ergaben sich im Februar 17-18 reguläre Unterrichtstage in den Schulen.
Deutlich wurde, dass in den Grundschulen, Förderschulen und Berufskollegs der rechnerische Durchschnittswert von Überstunden nicht zu verwertbaren Ergebnissen führt, weil hier andere Voraussetzungen gegeben sind.

Durchschnittliche Überstunden im Februar nach Schulformen

SchulformÜberstunden
Gymnasium6,1
Gesamtschule5,0
Realschule4,7
Hauptschulekeine Rückmeldung


Alarmierendes Beispiel aus einem Gymnasium

Von geplanter Lehrkraft nicht gehaltener Unterricht        12,9 %
Diese Unterrichtsstunden wurden so "ersetzt":
Mehrarbeit der Lehrkräfte 38,9 %
„eigenverantwortliches Arbeiten“ der Schüler*innen  38,7 %
Klassen- und Kurszusammenlegung  06,2 %
andere Vertretungsmaßnahmen06,7 %
Unterrichtsausfall09,5 %

Allein die Mehrarbeit des Kollegiums ersetzt in diesem konkreten Beispiel 2,6 Lehrerstellen! Um alle Vertretungsnotwendigkeiten abzudecken, wären gut 6 zusätzliche Stellen notwendig!

Die Situation der BerufskollegsHier kommt es neben Überstunden wegen erhöhtem Krankenstand - auch als Folge der Belastungen -  verstärkt zu sogenannten Parallelvertretungen aufgrund der Altersstruktur der Schüler*innen, d.h. die Lehrkraft ist für zwei oder mehr Klassen zuständig. Die Belastung ist immens, die  Qualität muss auf der Strecke bleiben.

Spezielle Belastungen an GrundschulenDa Grundschulkinder auch bei unvorhersehbarem Unterrichtsausfall am gleichen Tag  grundsätzlich nur zu den im Stundenplan vorgesehenen Zeiten nach Hause entlassen werden dürfen, ergeben sich für diese Vertretungssituationen besondere Herausforderungen. Die Folgen spiegeln sich in den Rückmeldungen an uns sehr deutlich wieder: Aufteilung der Klassen in Nachbarklassen, Betreuung von bis zu drei (!) Klassen in der Sporthalle, Auflösung von Sprachfördergruppen, Auflösung von Teamunterricht und damit z.B. Wegfall  von Fördermaßnahmen, die im Stundenraster vorgesehen sind, Einsatz der Sonderpädagog*in im Klassenunterricht. Die ganze Misere der Unterrichtssituation in den Schulen in ihrem tatsächlichen Ausmaß wird durch die Kraftakte der Schulen nur geschönt.

Hier das konkrete Beispiel aus einer Rückmeldung:

TagÜberstundenAndere Belastungen
05.02.180 5 Klassen aufgeteilt, 4 DaZ Gruppen aufgelöst
06.02.1834 Klassen aufgeteilt, 2 DaZ-Gruppen aufgelöst
07.02.1821 Klasse aufgeteilt
08.02.1812 Klassen aufgeteilt
09.02.1843 Klassen aufgeteilt, 2 DaZ-Gruppen aufgelöst

(DaZ = Deutsch als Fremsprache)

 Besondere Belastungen an FörderschulenHier werden Vertretungsbedarfe vor allem durch Vergrößerung der Schülergruppen und Klassenzusammenlegungen gestemmt, eine besonders gesundheitsbelastende Situation, da diese Schülergruppen sehr komplexe Anforderungen mit sich bringen, mit denen dann eine Lehrkraft allein fertig werden muss. Das trifft in besonderem Maß auf die Schulen zu, deren Schüler*innen mit Schülerspezialverkehr transportiert werden. Neben der Belastung für die Lehrkräfte kann man in solchen Situationen den Schülerbedürfnissen immer weniger gerecht werden.

Schulministerin: Lehrerberuf attraktiv machen?"Vor dem Hintergrund des akuten Lehrermangels in NRW und des deutlichen Versprechens der Frau Ministerin Yvonne Gebauer, den Lehrerberuf wieder attraktiv machen zu wollen, ist eine ehrliche Betrachtung des Lehrermangels und des Unterrichtsausfalls wünschenswert. Das Wohlbefinden unserer Lehrer ist ein Garant für guten Unterricht.“ So konnte man es lesen in der Landtagsdrucksache vom 11.12.2017.

Unsere Umfrage in den Schulen zeigt es mehr als deutlich: Das „Wohlbefinden“ der Lehrkräfte ist höchst bedenklich gestört und Anstrengungen der Schulministerin dulden keinen Aufschub, sonst bleibt die Gesundheit der Beschäftigten auf der Strecke und immer mehr wertvolle Unterrichtszeit geht den Schüler*innen verloren.

Wirksame Maßnahmen werden zu zögerlich angegangen!Doch die wenigen bisher gemachten Ankündigungen lassen nicht vermuten, dass sich wirklich etwas ändern soll. Das geplante Erfassungsverfahren zum Unterrichtsausfall der Schulministerin, das allein durch die Bereitstellung von 183 Lehrerstellen zur Durchführung mehr als 16 Millionen € jährlich kosten soll, hilft nun wirklich nicht viel weiter, um Belastungen abzubauen und Unterricht zu sichern.  Wirksame, langfristig angelegte Maßnahmen zur Beseitigung des Lehrermangels lassen auf sich warten. Die gleiche Bezahlung für alle Lehrämter nach A 13/EG 13 wird angekündigt, aber nur schleppend behandelt, Studienplätze nur zögerlich erhöht, NC nicht abgebaut.

Mehr Personal ist allemal besser als präzises ZählenNicht erst seit Zeiten des akuten Lehrermangels fehlt es den Schulen an einer zuverlässigen Ressource für Vertretungszwecke. Hinzu kommen ständig neue außerunterrichtliche Aufgaben, die zusätzlich ohne Personalaufstockung gestemmt werden sollen. Die vor vielen Jahren noch vorhandene  - aber längst nicht ausreichende - Reserve von 4% wurde von den jeweiligen Schulministerien kontinuierlich gekürzt. Gleichzeitig wurde der Druck auf die Kollegien erhöht, diese Kürzungen durch Mehrarbeit und Mehrbelastung zu schultern.

Mehr Belastung = mehr Krankheitsausfall = mehr Unterrichtsausfall = mehr Belastung = mehr …Diese Spirale darf sich nicht unaufhaltsam weiter drehen. Doch solange die Bildungspolitik diese Spirale nicht stoppt, müssen die Kollegien vor Ort ihr Stoppschild aufstellen. Es ist dringend notwendig, in den Lehrerkonferenzen die Spielräume auszuloten, die Mehrarbeit und Mehrbelastung vermeiden helfen. Kein Kollegium sollte sich zumuten lassen, die von der Politik verursachten Personallücken auf Kosten der Gesundheit auszubügeln.
Kein Personal da - Unterricht muss ausfallen
Allzu oft geben Schulleitungen dem Druck „von oben“ nach, bloß keinen Unterrichtsausfall zuzulassen, egal wie organisiert. Dazu passt auch, dass den Schulleitungen zurzeit von den Schulbehörden untersagt wird, über den konkreten Lehrermangel an ihrer Schule z.B. der Presse Auskunft zu geben.

Doch allenfalls Bestimmungen zur Aufsicht und zur Ganztagsbetreuung  setzen enge Spielräume, die sicher nicht umgangen werden können.  Doch es lohnt sich, die rechtlichen Bestimmungen einmal genau zu durchforsten.
Überstunden vermeiden
Dazu zwei Hinweise: Die Kollegien und Lehrerräte sind jetzt gefordert, den § 68 des Schulgesetzes anzuwenden: „Die Lehrerkonferenz entscheidet über Grundsätze für die Unterrichtsverteilung und die Aufstellung von Stunden-, Aufsichts- und Vertretungsplänen.“
Der Erlass zur Aufsicht enthält folgende Vorschrift: „Schülerinnen und Schüler der Primarstufe und der Klassen 5 und 6 der Sekundarstufe I dürfen auch bei unvorhersehbarem Unterrichtsausfall grundsätzlich nur zu den im Stundenplan vorgesehenen Zeiten nach Hause entlassen werden. Über Änderungen des Stundenplans und der Öffnungszeiten der außerunterrichtlichen Ganztags- und Betreuungsangebote sind die Eltern rechtzeitig zu informieren.“ Auch daraus ergeben sich Spielräume - wenn auch gestaffelt nach Klassenstufe.

Wir haben die Überstunden gezählt und nicht den Unterrichtsausfall. Wenn das Ministerium wie geplant diesen zählen wird, dann sind  wir sehr gespannt, was dort alles als Ausfall erscheint oder mit welchen Tricks man sich die wahre Situation schön rechnet.

Die Ergebnisse der Umfrage haben wir an die Schulministerin und die Wuppertaler Lantagsabgeordneten geschickt. Von dort erwarten wir eindeutige Signale zur Veränderung der Situation.